Wirklich? Wirklich!

Ihr Lieben, 

wie Euch aufgefallen ist, erschien dieses Jahr noch keine Kurzgeschichte hier im Blog. Leider (doch ohne Bedauern) muss ich euch mitteilen, dass ich bis März keine Zeit für den Blog haben werde, denn….

ich habe einen Vertrag beim #Aufbau_Verlag unterzeichnet und versichert, meinen #Debütroman bis März fertig zu schreiben. #Kukolka, so der Titel, wird noch 2017 erscheinen.

Ich bin überglücklich und hoffe Ihr freut euch mit mir. 

Eure Lana

Natalja – die an Weihnachten Geborene

Ukraine. Dnipropetrovsk. 24. Dezember 1986. 0 Uhr. Meine Mutter wachte in einer warmen Pfütze auf. „Hayk! Hayk! Wach auf! Die Fruchtblase. Die ist geplatzt. Oh mein Gott, das ganze Sofa ist nass!“ Mein Vater sprang auf, stolperte ins Wohnzimmer, quetschte sich durch den schmalen Spalt zwischen dem aufgeklapptem Sofa, auf dem meine Oma und meine Tante schliefen und dem Klappbett, auf dem mein Opa lag und stürmte in die Küche zum Telefon.

Meine Mutter gab sich der Panik hin. Ob es mir gut ging? Mir ging es wunderbar. Alle waren plötzlich wach und packten die wichtigsten Sachen für sie und mich. Sie war jetzt fast genauso dick wie meine Tante und konnte sich kaum bewegen. Endlich kam der Krankenwagen. Meine Mutter war sich nun fast sicher, dass ich gerade sterbe. Aber mir ging es immer noch gut.

Ich hatte nur keine Lust zur Welt zu kommen. Ich war eine alte jüdische Seele und wusste, dass dieses göttliche Spiel, das wir Leben nennen, zwar schön aber auch furchtbar anstrengend und schmerzvoll ist. Ich hatte also einfach keine Lust. Der Bauch meiner Mutter bot mir viel Platz, ich wurde gut genährt, beatmet und gewärmt. Ich zögerte meine Geburt um zwei Wochen raus. Dann platzte die verdammte Fruchtblase.

Im Krankenhaus musste meine Mutter lange warten. Niemand kümmerte sich um sie, während immer mehr Wasser an ihren Beinen runterfloss. „Hayk, ich habe Angst!“, sagte sie und er sagte: „Ich kümmere mich, Ritachka!“, während eine übermüdete Krankenschwester ihn herausschob und die Tür zumachte.

Auf der Geburtstation durften keine Unbefugten dabei sein. Befugt waren nur Ärzte und Krankenschwestern, Schwangere und Wöchnerinnen Putzfrauen und Köchinnen, sowie Babys. Meine Mutter fühlte sich ganz allein gelassen. Ich versuchte sie zu beruhigen, aber es war zwecklos, sie hörte schon damals nicht auf mich.

Sie wurde in ein Raum mit zehn Betten gebracht. Dort waren noch sechs andere Frauen und sie benahmen sich wie verrückt. Sie schrien, rüttelten an den Betten, eine riss sich die Haare aus. Kurz gesagt, sie hatte Wehen. Meine Mutter hatte keine Wehen und wusste auch nicht was das sein soll. Sie hatte einfach nur Angst vor diesen Wahnsinnigen.

Ein ganz junges Mädchen wurde rein gedracht. Im Grunde ein Kind. Sie schrie „Bljad, bljad (rus. Schimpfwort), es kommt!“ Als endlich eine der Schwestern kam, hatte das Kind schon ihr Baby im Arm.

Meine Mutter wurde langsam richtig panisch vor Sorge, dass ich nicht noch länger ohne Wasser leben könnte, aber das kümmerte niemanden. Hayk, mein Vater, hat während dessen geschafft zurück zu fahren und zusammen mit meiner Tante (die Friseurin war und unfassbar viele Kontakte hatte) eine Person zu finden, die jemanden kannte, der jemanden kannte, der einen Arzt kannte der in diesem Krankenhaus arbeitete. Natürlich war diese Person froh zu helfen. Schließlich freute sich damals jeder über einen kleinen Nebenverdienst.

Im Krankenhaus bereitete man gerade alles vor um meiner Mutter den Bauch aufzuschneiden, als ein Anruf kam es nicht zu tun. Im nächsten Moment kam auch schon der Chefarzt und sagte, er würde mich “auch so rausholen“. Zu diesem Zeitpunkt war meiner Mutter alles egal, sogar dass ein fremder Mann die ganze Zeit zwischen ihren Beinen (ihr wisst schon wo) hantierte. Man schloss sie an Geräte und Schläuche. Da kamen auch schon die Wehen. Damit hatte auch mein Frieden ein für alle mal ein Ende. Ich wurde gedrückt und gepresst, bekam immer weniger Sauerstoff und dann noch diese Medikamente die mich völlig benebelten.

Sie lag also mit gespreizten Beinen und zu beiden Seiten angebundenen Armen auf einem Tisch im Kreißsaal(völlig entwürdigende Position), als Atalja kam. Sie hatte ein rotes Kleid an, aber keine Schuhe. „Atalja,“, sagte meine Mutter, „Atalja, ich sterbe und mein Baby stirbt mit mir. Atalja, ich will wissen wer es ist. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Atalja kam näher. Ihre weißen Füße waren gut fünf Zentimeter über dem Boden.

„Atalja, bist du da um mich mitzunehmen?“, fragte meine Mutter. Atalja schüttelte den Kopf. Sie lächelte und sagte: „Ich werde dir helfen. Deine Tochter wird gleich geboren werden. Du muss mir nur eine Sache versprechen.“ „Was immer du willst, meine Liebe!“, sagte meine Mutter. „Du muss deine Tochter Atalja nennen.“ „Aber ich habe Hayk versprochen…“, begann meine Mutter, sprach jedoch nicht zu Ende und sagte stattdessen: „Ich werde sie Atalja nennen.“

In der nächsten Sekunde kam eine gigantische Druckwelle, gefolgt von grellem Licht und Kälte. Grobe Hände packten mich, tauchten in ein Wasserbad, rubbelten trocken, wogen mich, vermaßen mich und wickelten mich steif in Tücher. Ein stechender Schmerz erfüllte mein ganzen Leib. Ich schrie und bekam eine Flasche mit Milch zwischen die Lippen. Ein widerliches Gemisch aus allen Muttermilchen, welche die Wöchnerinen aus ihren Brüsten herausgemolken haben.

Ich wollte meine Milch, die in den Brüsten meiner Mutter für mich persönlich kreiert worden war. Aber ich bekam diesen Äuswurf. So lag ich in meinem kleinen Bettchen (rechts und links fünfzig andere Babys) und saugte an diesem Muttermilchgebräu. Es war um 15 Uhr und erst am nächsten Morgen wurde ich meiner Mutter zum Stillen gebracht.

Zwanzig Minuten hatte ich für dieses Vergnügen, dann musste ich zurück in das kalte Bettchen (rechts und links fünfzig andere Babys). Nach einer Woche durften wir raus. Vater holte uns ab. Bevor wir gehen konnten, wurde mein Name eingetragen. „Hayk, ich weiß was wir gesagt haben, aber ich muss unsere Tochter Atalja nennen.“, sagte meine Mutter in einem entschuldigenden Ton (der in ihren eigenen Ohren entschlossen klang). Hayk war in dem Moment so verliebt in mich, dass ihm alles egal war.

Wem es jedoch ganz und gar nicht egal war, war die Frau, die das hätte eintragen sollen. “Was für eine Atalja? Sowas haben wir nicht. Ist das etwas jidovskoje (jüdisches)? Sucht euch was normales von dieser Liste aus.“, sagte sie.
„Vielleicht Natalja?“,fragte sie, als sie die Tränen in den Augen meiner Mutter sah. „Ja, dann wohl Natalja.“, sagte sie leise und so wurde es auch eingetragen. Natalja.

„Natascha, Nataschenka“, wiederholte meine Vater liebevoll, als sie mit mir nach Hause (in die 43qm große Wohnung meiner Oma) fuhren. Ich finde es gut.“, sagte er. „Wirklich, viel besser als Faina. Der wäre zu jüdisch. Natascha ist so ein schöner russischer Name, damit wird sie niemand ärgern können.“

Damals hatten meine Eltern keine Ahnung, dass schon zehn Jahre später mein Name von deutschen Zungen zerrissen werden würde. Sie wussten nicht, dass mein Geburtstag immer an Heiligabend sein würde (oder, dass es Heiligabend überhaupt gibt) und sie wussten auch nicht, dass mein Name, Natalja, die an Weihnachten Geborene bedeutet.

Ich will meinen Tannenbaum!

Der Weihnachtszauberwahnsinn ist wieder allgegenwärtig.
Jetzt gerade zum Beispiel sitze ich in einer kleinen Bäckerei bei uns um die Ecke. Obwohl die Besitzerin und alle Mitarbeiterinnen türkischstämmig sind, liegt auf dem Tisch ein rotes Polyesterdeckchen mit Weihnachtssternstickerei und darauf stehen kleine Töpfchen in Stiefelform, aus denen die künstlichen Tannenzweige ragen, auf denen mit etwas zu viel Heißkleber rote Äpfelchen und winzig kleine Geschenkpäckchen befestigt sind. Weiterlesen

>Selber Jude!<

„Selber Jude!“, schrie David und schlug mit der Faust mitten in Alis Gesicht. Das war  Dienstag. Freitag kam der Brief. Montag saß er zusammen mit seiner Mutter vor dem Büro des Direktors. „Ich bin untröstlich“, sagte die Mutter. „Ich hatte schon versucht die Familie anzurufen. Wir würden den Jungen gerne im Krankenhaus besuchen. Ich bedauere sehr was passiert ist.“ Weiterlesen

Graefekiez Berlin oder meinen Kiez unterstütze ich gerne

Die junge Frau sitzt an einem kleinen Tisch vor der Eismanufaktur. Belgisch Schokolade und Himbeer-Sorbe teilten sich den Platz in ihrem Becher. Bio und selbstgemacht. Teuer ist es schon, aber sie unterstützt gerne ein Kiez Café. Manufaktur. Vor dem Eingang ist eine Tafel mit der Aufschrift – Glück kann man nicht kaufen, dafür gibt es Eis. Die junge Frau schmunzelt und macht ein Foto für ihr Instagram. Weiterlesen